Heiko Kunert und barrierefreie Webseiten

Zur Zeit befasse ich mich mit dem Thema barrierefreie Webseiten.
Zu dem Thema habe ich Heiko Kunert ein paar Fragen gestellt. Wer Heiko ist und warum ich ihn befragt habe, erfahrt ihr im Interview.

 

Hallo Heiko, Danke für deine Zeit und das du mir ein paar Fragen beantwortest. Stell dich doch bitte kurz vor, wer bist du und was machst du?

Ich bin seit 2013 Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg.
Vorher habe ich über fünf Jahre die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins betreut.

Ich bin außerdem als Blogger und freier Journalist tätig und auf TwitterFacebook und anderen Netzwerken aktiv.

 

Wie surfst du durchs Netz, welche Tools nutzt du?

Ich nutze meinen PC und mein iPhone. Damit das geht, greife ich auf sog. Screenreader-Software zurück.
Der standardmäßig mitgelieferte Screenreader von Apple heißt VoiceOver.
Auf meinem Windows-Rechner nutze ich die Software JAWS.

Einfach gesagt, wandelt der Screenreader den Bildschirminhalt so um, dass er von einer künstlichen Sprachausgabe vorgelesen werden kann und auf einer Braillezeile in Blindenschrift dargestellt werden kann.

 

Wie stellt man sich das vor, wie ist der Ablauf wenn du eine Webseite aufrufen willst? Bedienst du das komplette Betriebssystem mit der Tastatur oder einem speziellen Gerät? Vllt kannst du den Ablauf einmal kurz schildern.

Ich bediene meinen Rechner ausschließlich über Tastenbefehle, da ich die Maus nicht bedienen kann.
Neben den Standard-Tastenkombinationen, die auch viele sehende Menschen nutzen, um effizienter arbeiten zu können, bietet der Screenreader weitere tastenbefehle.

Wenn ich eine Homepage aufrufe, gibt mir die Sprachausgabe eine erste Übersicht über die Seitenstruktur.
Sie sagt mir an, wie viele Überschriften, Links usw. die Seite hat. Danach kann ich zum Beispiel mit der Taste H von Überschrift zu Überschrift springen oder mit E von Eingabefeld zu Eingabefeld.

Die Braillezeile zeigt immer aktuell die Zeile an, in der sich gerade der Cursor befindet. Zusätzlich kann ich auch mit Tasten an der Braillezeile selbst navigieren.

 

Welche Punkte sind besonders wichtig, um eine Webseite barrierefrei zu machen?

Damit das, was ich gerade beschrieben habe, überhaupt funktioniert, müssen die einzelnen Elemente der Website – wie z.B. Headlines – auch als solche im HTML ausgezeichnet sein.
Bei Überschriften braucht es eine logische Struktur, damit ich erkennen kann, was die Hauptüberschrift ist und was Unterüberschriften. Für mich als blinden Nutzer sind auch aussagekräftige Alternativtexte bei Fotos und Schaltflächen wichtig und dass PDFs, die zum Download zur Verfügung gestellt werden, zugänglich sind und nicht nur aus eingescannten Bildern und Texten bestehen.

Die meisten Flash-Anwendungen sind übrigens kaum zugänglich.

 

Barrierefreie Webseiten helfen jedem, nicht nur Menschen mit Behinderung. Was denkst du, warum sind nicht mehr Webseiten barrierefrei?

Hauptgrund ist Unwissenheit.
Immer noch besteht das Vorurteil, dass barrierefreie Websites gleichbedeutend sind mit langweiligem Design. Das ist aber vollkommener Unfug.

Eine halbwegs vernünftige Grundlage kann man mit einem zeitgemäßen Content-Management-System legen.
Es braucht dann aber auch ein Bewusstsein bei denjenigen, die die Inhalte tagtäglich einpflegen. Sie müssen dann halt daran denken, dass sie z.B. bei jedem hochgeladenen Foto einen Alternativtext erstellen, der mir dann von meiner Sprachausgabe vorgelesen wird.

 

Hast du einen Tipp für Menschen, die auf der Suche nach barrierefreien Seiten sind?

Es gibt ein anerkanntes Testverfahren für Barrierefreiheit in Deutschland, den BITV-Test.
Die Prüfstellen führen eine Liste von besonders barrierefreien Websites: http://www.bitvtest.de/90plus/webangebote.html

 

Gibt es eine Seite, die positiv hervorsticht die sehr barrierefrei ist?

Es ist schwierig, nur eine Seite zu nennen.  Es gibt schon eine Vielzahl von Websites.
Bisher sind hierunter aber immer noch vor allem staatliche Stellen im weitesten Sinne zu finden, da diese in der Regel gesetzlich zur Barrierefreiheit verpflichtet sind.
Auch öffentlich rechtliche Rundfunkanstalten sind darunter. Die Privatwirtschaft hinkt deutlich hinterher. Bei den sozialen Netzwerken ist aber beispielsweise Facebook besser als Google+, LinkedIn besser als Xing.

 

Wagen wir einen Blick in die Zukunft, meinst du das Thema wird sich ändern? Wenn ja, wie?

Das Thema wird schon immer präsenter.
Dazu trägt sicherlich der demografische Wandel bei – immer mehr Senioren sind im Web unterwegs, ihre Zahl wird kontinuierlich steigen. Auch der hohe Stellenwert von Barrierefreiheit im angelsächsischen Raum (zum Teil mit klaren gesetzlichen Vorgaben) trägt dazu bei, dass Anbieter das Thema ernst nehmen müssen.

Apple macht vor, wohin die Reise gehen kann, in dem der Konzern seine Geräte standardmäßig mit Sprachausgaben, Lupenfunktionen für sehbehinderte Menschen, mit Bedienoptionen für motorisch eingeschränkte Menschen und mit Einstellungsmöglichkeiten für schwerhörige Menschen ausliefert.
Das ist Design für alle. Ich hoffe und glaube, dass sich das in der Zukunft auch bei anderen Produkten – und auch bei Websites und Apps – immer mehr etablieren wird.

 

Ich danke Heiko für seine Zeit und die Antworten zu meinen Fragen.

Johannes

Hallo, ich bin Johannes. Dies ist meine Spielwiese für verschiedene Projekte, Bilder, Quatsch, Ideen und Gedanken zu denen ich manchmal auch Interviews geben darf.

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